Bounce Lettering

Lektion 7

Ein wesentlicher Aspekt beim Brush-Lettering ist die Freiheit, die Buchstaben so zu malen, wie man möchte. Und das gilt nicht nur für die Form der einzelnen Basisstriche, für die Schnörkel und Schlaufen und Buchstabenverbindungen, sondern auch für die Position der Buchstaben! Man braucht sie nicht wie in der Grundschule brav auf die gerade verlaufende Schriftlinie zu setzen. Und das macht die Sache so spannend – aber auch schwer zu beherrschen. In dieser Lektion möchte ich Dir Wege zeigen, die Lage der Buchstaben so zu variieren, dass es optisch auch etwas hermacht!

Bounce Lettering Workshop

Bounce heißt im Englischen springen oder hüpfen. Die Buchstaben sollen also durch die Gegend hopsen – oder, was mir besser gefällt: tanzen. Ich liebe tanzen – jahrelang habe ich in einer Lateinformation getanzt, auch dem Tango Argentino bin ich verfallen und war oft zwei Mal pro Woche auf der Tanzfläche anzutreffen. Eine der Grundregeln bei allen Lateinamerikanischen Tänzen ebenso wie beim Standardtanz: den Körper gerade halten. Kopf hoch, Rücken gerade – bloß nicht in sich zusammensacken. Das gilt auch für unsere Buchstaben! Sie dürfen durchaus in Schräglage, also kursiv gemalt werden. Aber, wie wir schon in den vorausgegangenen Kapiteln gelernt haben, ist ein wesentlicher Aspekt eines optisch ansprechenden Letterings die Konsistenz. Für uns heißt das: die Winkel der Abstriche bzw. die Achse der Ovale in unserem Lettering sollen möglichst parallel verlaufen.

Mit diesem Wissen legen wir jetzt wir den Grundschritt auf’s Parkett:

Tango Argentino auf einer geraden Grundlinie. Die Buchstaben stehen relativ senkrecht, sind nur ein Wenig nach rechts geneigt. Soweit, so gut, das sieht jetzt eher unspektakulär aus, aber darauf lässt sich aufbauen. Im Internet habe ich oft den Tipp gelesen, eine wellenförmige Grundlinie zu benutzen. Das probieren wir – und sehen, was wir definitiv NICHT tun sollten:

Wie die Blümchen auf der Wiese stehen die Buchstaben Kerzengerade – auf dem Boden, also der Wellenlinie. Dadurch hat jeder einzelne Buchstabe einen anderen Winkel relativ zum Blatt – oder, was wichtiger ist: relativ zum Betrachter. Da ist keine Abstrich, keine Achse parallel – alles verläuft kreuz und quer. Die Buchstaben wirken dadurch sehr durcheinander, lassen sich schwer lesen und sind zudem furchtbar schwierig zu verbinden. So sieht kein gelungenes Bounce Lettering aus! Statt Tango Argentino tanzt hier jemand besoffen als letzter auf der Party.

Behalten wir aber die wellenförmige Grundlinie bei und halten uns diesmal an die Regel der konsistenten Winkel. Alle Buchstabenachsen sollen also möglichst parallel zueinander sein. Die Grundlinie halte ich als Begrenzung für alle Buchstaben ohne Unterlänge strikt ein. Siehe da: man den Tanz wieder erkennen! Trotzdem sagt mir diese Methode immer noch nicht nicht zu. Es sieht einfach nicht aus, wie gewünscht.

Betrachten wir nun mal die Buchstaben selbst. Alle Buchstaben, die sich aus mehreren Strichen zusammensetzen, kann man in sich ja auch schon tanzen lassen. Das heißt, dass ein Strich nicht auf der gleichen Höhe sitzen muss wie der andere. Hier ein paar Beispiele:

Die Möglichkeit, die Buchstaben selbst auch schon auf verschiedene Höhen zu verteilen, gibt uns die Chance auf schöne Variationen. Aber – fällt Dir am obigen Bild etwas auf? Wie findest Du die mittlere Spalte im Vergleich zur rechten? Sehen die Buchstaben in der rechten Spalte nicht irgendwie… komisch aus? 

Ja! In der mittleren Spalte sitzt der erste Basisstrich HÖHER als der zweite. Die Buchstaben steigen also sozusagen eine Treppe hinab. In der rechten Spalte hingegen geht’s treppauf – und, Hand auf’s Herz, das sieht meistens nicht gut aus. Merke also: die Grundlinie innerhalb eines Buchstabens sollte immer von oben nach unten verlaufen.
(Eine Ausnahme bildet das m: hier folgen drei Abstriche aufeinander. Der Mittlere sollte gleich oder höher sein als die beiden anderen.)

Im oberen Beispiel mit der gewellten Grundlinie passiert es automatisch, dass beispielsweise das n mit dem zweiten Abstrich höher endet als mit dem ersten. Das liegt daran, dass die Buchstaben ganz willkürlich mal verkürzt, mal verlängert gemalt werden – je nachdem, wo die gewellte Linie langgeht. Lass uns diese Methode also am besten gleich wieder vergessen.


Versuchen wir mal etwas anderes. Wir lassen nur die Buchstaben in sich tanzen, d.h. die Buchstaben mit zwei Basisstrichen sollen immer einen kürzeren und einen längeren Abstrich bekommen. Das heißt: der erste Abstrich geht bis zur Grundlinie, der zweite wird verlängert. Alle anderen Formen bleiben auf der Grundlinie sitzen. Das kann dann so aussehen:


Das sieht nicht nur besser aus, sondern ist auch noch viel leichter zu schreiben, als mein obiger Versuch mit der gewellten Grundlinie. Das solltest du mit ein paar Worten üben – am besten gleich mit einem langen Text. Dabei kannst du es mit den verlängerten Abstrichen ruhig auch mal ein bissen übertreiben!

Wenn du das im Blut hast, dann kannst du noch die Ovale beim a, g, o, p und q etwas kleiner malen und höher als die Grundlinie setzen:

Schon viel besser, oder? 

Hier noch einmal die zwei Regeln zum Einstieg ins Bounce Lettering:

  • Die Winkel der Buchstaben bleiben parallel
  • Die Basisstriche eines Buchstaben gehen nur treppab, nie treppauf

Natürlich kannst du die zweite Regel mit der Zeit aufweichen und crazy Buchstaben malen. Für den Anfang, zum Üben, macht es die Sache aber leichter, sich daran zu halten. Je mehr Übung du hast, desto unterschiedlicher werden deine Abstriche und desto freier wird dein Bounce Lettering aussehen. Hier siehst du nochmal den gleichen Text mit tanzenden Buchstaben ohne die eingezeichnete Grundlinie:

Beispiele für Brushletterings mit Bounce Lettering Effekt